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Aus dem Evangelium nach Johannes (15, 1-8)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Predigtgedanken

In Diskussionen um Glauben und Kirche, um Gott und die Welt, wie ich sie immer wieder einmal führen darf, werde ich manchmal mit der Frage konfrontiert: Kann ich nicht auch ohne Religion, ohne Christentum, ohne Kirche ein guter Mensch sein? Meist wird diese Frage untermauert mit Beispielen, die zeigen, dass manche Nichtgläubige am Ende sogar besser sind als viele, die sich zum Christentum bekennen. Oder es werden die Sünden der Kirche von früher und natürlich auch die heutigen Verfehlungen Einzelner in der Kirche aufgeführt, die wir zu recht als einen Skandal bezeichnen dürfen und als das, was zum Beispiel Missbrauch von Minderjährigen nun einmal ist, als ein Verbrechen. Da gibt es nichts, aber auch gar nichts, zu beschönigen oder gar zu leugnen. Und ich kann die Enttäuschung oder die Verärgerung über „Gottes Fußvolk“ wirklich verstehen.

Oftmals bekomme ich darum auch den alten, berühmten Satz zu hören: „Jesus ja - Kirche nein!“ Und genauso handeln immer mehr Christen. Sie treten aus, sie ziehen aus, manche still und leise, manche laut und vernehmlich. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber jeder Austritt schmerzt uns. Vielleicht hatten auch schon die ersten Christengemeinden mit diesem Phänomen zu kämpfen, dass sich nämlich Menschen, die am Anfang Feuer und Flamme für Jesus waren, später wieder von der Gemeinde zurückzogen. Selbst Jesus machte diese Erfahrung, sonst hätte er wohl nicht einmal zu seinen Jüngern gesagt: „Wollt etwa auch ihr gehen?“Als eine etwas andere Antwort auf diese uns umtreibende Frage möchte ich gerne folgende Geschichte von Lothar Zenetti erzählen:

Da waren ein paar Männer, die saßen eines Tages im Gespräch zusammen. Als nun der Abend kam und die Dunkelheit hereinbrach, trugen sie Holz herbei zu einem Holzstoß und entfachten ein Feuer. Da saßen sie miteinander, die Glut des Feuers wärmte sie, und der Schein der Flammen erhellte ihre Gesichter. Da war aber nun einer unter ihnen, der wollte nicht länger im Kreis bei den Anderen sitzen, sondern für sich allein. Und so nahm er einen brennenden Holzspan vom gemeinsamen Feuer und setzte sich damit abseits, fern von den Andern. Der glimmende Span leuchtete auch ihm und strahlte Wärme aus. Bald aber ließ die Glut nach, und der alleinsitzende Mann spürte erneut die Dunkelheit und Kälte der Nacht. Da besann er sich und nahm das schon erkaltete Stück Holz und trug es wieder zurück in die Glut des großen Feuers, wo es sich erneut entzündete und Feuer fing und zu brennen begann. Und der Mann setzte sich wieder in den Kreis der Andern. Er wärmte sich auf, und der Schein der Flammen erhellte sein Gesicht."

Soweit diese Geschichte. Es lohnt sich also, uns zu erinnern an das, was Dazugehören und was Christsein heißt: In der gegenwärtigen Diskussion um die Krise der Kirche, da möchte ich zum Beispiel nicht missen, was uns als Christen von Jesus Christus gerade und vor allem anderen ins Stammbuch geschrieben ist: nämlich die Wertschätzung jedes menschlichen Lebens aufgrund der Würde jedes einzelnen Menschen.

Mit Jesus Christus verbunden zu sein heißt dann also, uns zu fragen: Welchen Platz und welchen Stellenwert räumen wir in der Kirche, aber ebenso in unserer Gesellschaft den vielen Opfern ein, den Opfern von Terror und offener Gewalt, wie auch den Opfern von Missbrauch und versteckter Gewalt? Die Täter müssen bestraft werden, das ist klar und eindeutig, aber es muss uns ebenso um die Wahrnehmung derer gehen, die unter diesen Tätern zu leiden hatten. Warum sage ich das so ausführlich? Weil viele Menschen eben zur Zeit genau auf diesen Punkt schauen: Wie gehen wir in der Kirche mit dieser Frage um? Es stimmt, wir alle wissen, dass die Fälle in der Kirche wohl nur einen kleinen Teil ausmachen, aber es gibt eben viel zu viele Fälle in unserer katholischen Kirche. Und somit hat unsere Kirche die Pflicht, mit der Umkehr bei sich selbst anzufangen. Sonst verliert sie jede moralische Autorität auch bei anderen wichtigen Fragen. Darauf machte dieser Tage nicht nur die Reformbewegung „Maria 2.0“ aufmerksam, darauf verweisen uns jeden Tag aufs Neue die vielen - die viel zu vielen - Austritte aus der Kirche.

Um die Hoffnung nicht zu verlieren, ist mir die Verbindung mit Jesus wichtig, weil ich nur durch ihn dauerhaften Zugang zu diesen für mich grundlegenden Werten und Haltungen habe. Das Bild vom Weinstock und den Reben ist da für mich hilfreich. Es geht nicht um fromme Christentümelei, es geht auch nicht um irgendeine Verteidigung des christlichen Abendlandes, es geht vielmehr um gelebtes Christsein. Denn nur dieses im Alltag gelebte Christsein bringt die Früchte hervor, die ich in unserer gegenwärtigen Welt nicht vermissen möchte. Und jede ernst zu nehmende Politik, ob im Kleinen oder im Großen, wird und muss darum bemüht sein, das Wachsen solcher Früchte zu fördern.

Manche Menschen aus Mainaschaff oder auch aus anderen Gemeinden sagen ab und an: „Auch wenn ich mir oft schwer tue mit meiner Kirche, ich möchte mit ihr verbunden bleiben, gerade weil es diese Gemeinde gibt mit all den vielen Menschen, die wie ich auf der Suche sind.“ Diesen Worten möchte ich mich einfach anschließen. Ja, ich freue mich dazuzugehören - trotz allem, was auch mich manchmal an und in unserer Kirche stört, was mich verärgert oder belastet. Aber ich lade uns auch bewusst dazu ein, nicht nachzulassen mit unserer herzlichen Offenheit Menschen gegenüber, die einen anderen Weg wählen. Sie sind und sie bleiben ja Gottes Kinder.

Ihr und Euer Pfarrer Georg Klar

Noch ein Text zum Nachdenken

Mit dir, Gott, verbunden >>>

5 Ostersonntag

Du, Gott, hinter uns,
hinter allem, was war.
Kraft, die hervorbringt,
die Leben will
und Entfaltung.

Du, Gott, in uns,
in allem, was ist.
Kraft, die durchdringt,
die Reifung will
und Verwandlung.

Du, Gott, vor uns,
vor allem, was sein wird.
Kraft, die vorantreibt,
die Liebe will
und Vollendung.

Mit dir, Gott, verbunden -
und daraus leben.

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